Von den Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe, beschäftigt mich am meisten Patrick Süskinds Die Geschichte von Herrn Sommer. Denn es ist klar, dass man beispielsweise über Bücher wie Das Gesicht im Dunkel von Edgar Wallace, über Bernd Riegers John Lennon - der Dichter der Beatles oder über Hans Falladas Der Trinker nicht gross nachdenken muss. Die hatte ich zuvor gelesen und mich mehr oder weniger damit gelangweilt. Wobei ich am langweiligsten Das Gesicht im Dunkel und am trockensten das Buch von Bernd Rieger über John Lennon fand. Der Trinker von Hans Fallada hingegen war eher lesenswert, weil es doch sehr gut die Sogwirkung des Alkohols, den geistigen und körperlichen Verfall und die Realitätsentfremdung eines Süchtigen schildert. Aber eigentlich interessiert mich das Thema wenig, da ich nicht zu einem exzessiven Alkoholkonsum neige und eigentlich auch nicht davor gewarnt werden muss, was das aus mir machen könnte.
Patrick Süskinds Die Geschichte von Herrn Sommer ist ganz anders. Es ist eine sehr poetische Erzählung, die nicht langweilig und trocken und auch keine Reportage ist. Ich las eine Rezension darüber in der FAZ und die regte mich so an, dass ich mir das Buch aus der Öffentlichen Bücherhalle entlieh. Es war ein Taschenbuch, ein schmaler Band, und ein Grossteil davon nahmen die wunderschönen Zeichnungen von Sempé ein.
Von Süskind kannte ich bisher nur Das Parfüm, das ich mir vor vielen Jahren einmal gekauft und dann verschenkt hatte, weil ich sicher war, dass ich es nicht noch einmal lesen würde.
Die Geschichte von Herrn Sommer liest sich ganz leicht, sozusagen schwerelos. Die Hauptperson ist ein kleiner Junge, der von seinen Schulerlebnissen und seinen Ärger mit der Familie erzählt. Es sind wohl die Kindheitserinnerungen von Süskind selbst. Herr Sommer ist da nur eine Randerscheinung, ein Mensch, der offenbar an Klaustrophonie leidet, wie die Leute im Dorf sagen, und der ständig, mit einem überlangen Nussbaumstecken in der Hand, der ihm als drittes Bein dient, durch die Lande eilt. Dabei legt er enorme Entfernungen zurück, umrandet den in der Nähe gelegenen riesigen See und besucht alle Dörfer in der Umgebung. Wobei er, wenn er dort angekommen ist, sogleich wieder umkehrt. Denn Herr Sommer hat nicht nur den Drang, unaufhörlich durch die Lande eilen zu müssen, er hält auch niemals an. Nicht einmal, wenn es hagelt und schneit oder ein Orkan wütet und hilfsbereite Leute, wie der Vater des Jungen neben ihm herfahren und ihn mitnehmen wollen. Das will Herr Sommer nicht, er wird sogar wütend und schreit, dass man ihn in Ruhe lassen soll.
Was nun eigentlich mit Herrn Sommer wirklich los ist und warum er unaufhörlich durch die Gegend eilen muss, erfährt man nicht. Und obwohl die Erlebnisse des Jungen amüsant zu lesen sind und Herr Sommer immer nur am Rande auftaucht, als schnell vorbeihuschendes Schemen, ist er trotzdem die eigentliche Hauptperson. Das ist wohl so, weil er ein Rätsel ist und man sich unaufhörlich die Frage stellt, was wohl mit ihm los sein könnte, dass er so rasen muss, Tag und Nacht, Monat um Monat, Jahr um Jahr.
Das Ende der Raserei von Herrn Sommer ist dann eine Katastrophe. Herr Sommer ertränkt sich nämlich im See, den er so oft umrundet hat und von ihm übrig bleibt nur sein Hut, der auf dem Wasser schwimmt.
Irgendwie hat mich dieses Ende enttäuscht. Die Erzählung liest sich so leicht und die Zeichnungen von Sempé stehen so sehr in Harmonie mit dem Ganzen, dass das tragische Ende von Herrn Sommer mich richtig erschreckte.
Aber dann wurde mir irgendwie klar, dass Die Geschichte von Herrn Sommer keine heitere Lektüre, sondern eigentlich eine sehr tragische Geschichte ist. Und Herr Sommer ist nicht einfach nur eine absonderliche Figur, über die man lachen kann, sondern ein sehr unglücklicher Mensch.
Es ist ein sehr einprägsames Buch, das Patrick Süskind da geschrieben hat, es gefällt mir besser als Das Parfüm. Und ich denke, dass ein gutes Buch eines ist, das einem zum Nachdenken bringt.
Ich gedenke sogar, es mir zu kaufen, als Papierbuch, nicht als Ebook.
Nicht sofort, sondern dann, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist und ich Lust habe, es noch einmal zu lesen.
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