Im Oktober 1996 sind A. und ich mit einem Billig-Bus nach Berlin zur Lovis-Corinth-Ausstellung gefahren. Es war eine anstrengende, fast vierstündige Fahrt. Als wir ankamen, waren wir steif wie Holz.
(Sollte jemand eine Strecke von dreihundert Kilometern zu Fuss gehen wollen, dann ist er vielleicht nicht steif wie Holz, dafür aber reif für einen Rollstuhl.)
A. und ich sassen nebeneinander. Sie las ihre geliebte TAZ und erregte sich über irgendwelche Politiker. Als sie dann kurz schwieg, wusste ich, dass sie darüber nachdachte, an welcher Demo sie demnächst teilnehmen wollte.
Und ich durfte sie dann wieder begleiten.
Viel Beinfreiheit gab es nicht in den engen Sitzen. Wir waren wie die Heringe zusammengequetscht. Das war mir äusserst unangenehm, denn ich mag diese intensive Tuchfühlung nicht, nicht einmal bei Leuten, die ich kenne. Klar, die Busunternehmer wollten soviel Leute wie möglich in ihren Blechbüchsen unterbringen, um den Profit hoch zu halten.
Aber trotzdem waren noch Sitzreihen leer. Es war wohl nicht jedermanns Sache, so unbequem zu reisen.
A. legte die Zeitung beiseite, verrenkte sich furchtbar und fuhrwerkte in ihrer Reisetasche herum, die auf dem Boden stand. Endlich wurde sie fündig und hielt eine Taschenflasche Kirschlikör hoch-
Wir trinken auf meinen Geburtstag, verkündete sie.
Wir tranken abwechselnd aus der Flasche. Der Likör war grauenhaft süss, doch als gut erzogener Mensch mäkelte ich nicht herum.
Der Likör stimmte uns lustig, und so kicherten wir über einen einen torkeligen Mann, der versuchte, die Toilette an Bord des Busses zu benutzen. Dazu musste man ein paar Stufen nach unten steigen. Doch er hätte sich die Mühe sparen können, denn die Toilette war selbstverständlich abgeschlossen.
Mist, schimpfte er und trat gegen die Tür.
Dass dass Toiletten in Billigbussen selten benutzbar sind, weil die Busunternehmer nicht auch noch die Kosten für deren Säuberung übernehmen wollen, wusste jedes Kind. Nur der torkelige Mann wusste es nicht. Dafür gab es ja alle zwei Stunden einen Halt an irgendeinem Rasthaus. Doch solange konnte der Torkel-Mann wohl nicht ausharren. Er trat noch einmal gegen die Tür, kroch die Stufen hoch und wackelte nach vorne auf den Busfahrer zu. Wahrscheinlich, um sich zu beschweren, dass es wohl massig Bier im Bus zu kaufen gab, aber keine Möglichkeit, es wieder loszuwerden.
Bei unserer Ankunft in Berlin hielt der Bus vor dem Zoologischen Garten. A. kannte sich in in der Stadt ein wenig aus und bat den Fahrer während der anschliessenden Stadtrundfahrt uns in der Nähe Friedrichstrasse abzusetzen.
Von dort aus war es nicht mehr weit bis zur Museumsinsel, wo die Corinth - Ausstellung in der Nationalgalerie und im Alten Museum zu sehen sein sollte.
Ich war dann ziemlich beeindruckt von den riesigen Sälen, durch die wir gingen, nachdem wir unser Eintrittsgeld bezahlt und uns einige Prospekte mitgenommen hatten.
Wenig gut fanden wir die ebenso riesigen Selbstbildnissen Corinths im ersten Saal, in denen er sich als edler Ritter mit Brustharnisch und Schwert darstellt. Dazu, um die Heldenpose zu vervollkommnen, im Arm eine nackte Frau.
Stell dir vor, sagte A., ich wäre eine berühmte Malerin und hätte eine Ausstellung. Und dann würde ich alle damit beglücken, mich selbst als Johanna von Orleans mit einem nackten Mann im Arm zu porträtieren. Aber Frau hat auch so genug Chancen und brauchte nicht aller Welt mitzuteilen, worauf sie scharf ist.
Da hatten wir wieder Grund zum Kichern, obwohl die Wirkung des Kirschlikörs längst verflogen war.
Ja, wir waren sehr lustig an dem Tag.
Aber eigentlich waren wir hauptsächlich gekommen, um die berühmten Walchennsee-Bilder von Lovis Corinth zu sehen. Und nicht, um uns totzulachen.
Die Bilder waren dann, als wir sie endlich fanden, ziemlich umlagert. Und sie waren wirklich gut.
Bloss über den Malstil Corinths waren wir sehr verschiedenen Meinung.
Was ich gut fand, fand A. nicht gut:
die Art, wie Corinth Blumen, Menschen, Landschaften darstellte, sein wilder ungestümer Pinselstrich. Das wirkte auf mich lebendig, während A. das irgendwie unordentlich fand.
Im Prospekt fand ich dazu eine Beschreibung: die dargestellten Gegenstände ertrinken im Strudel des Malgestus. Ich las es vor.
Genauso ist es, sagte A. alles ertrinkt...
Kann man doch nicht sagen, meinte ich, es ist doch noch erkennbar...Wenn etwas ertrinkt, ist es nicht mehr sichtbar.
Später sahen wir uns noch eine zweite Ausstellung an: Manet bis Van Gogh in der Nationalgalerie.
Aber dann wurde es uns zuviel, und wir gingen einfach spazieren, schlenderten durch die Gegend.
Da unser Bus um sechzehn Uhr zurückfahren sollte, mussten wir die S-Bahn zur Haltestelle Zoologischen Garten nehmen.
Ja, den Zoologische Garten hätte ich mir auch noch gerne angesehen, und ich beschloss, eines Tages wiederzukommen.
Doch daraus ist nir etwas geworden. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil Berlin mir einfach zu gross war. Megastädte wie Berlin, London und einige andere haben für mein Gefühl nichts Überschaubares an sich, sind grenzenlos, man lernt sie nie richtig kennen.
Und auch, weil ich A. dann nicht wiedergesehen habe, nachdem wir in Unfrieden auseinander gegangen waren-
Und Sica, bist Du danach nochmal nach Berlin gefahren?
AntwortenLöschenIch war eine Zeit lang regelmäßig in Berlin, aber das ist inzwischen auch schon wieder über 10 Jahre her. Meine Güte, wie die Zeit vergeht....
LG
Silke
@Silke
AntwortenLöschenNein, nie mehr. Da fehlt mir auch nix...
Gruss an dich und die Wauzels...